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Einschneidend

Kaiserschnitte retten Leben. Und zerstören Träume. Denn vielen Frauen geben sie das Gefühl, als hätten sie bei der natürlichsten Sache der Welt versagt. 

Als Melanie Schwab abgekämpft auf einer Operationsliege liegt, hat sie 12 Stunden Wehen hinter sich. Den Ärzten wird es 24 Stunden nach dem Sprung der Fruchtblase zu gefährlich. Sie halten einen Kaiserschnitt für nötig. Melanie Schwab wird rasiert, Arme und Beine sind mit Klettverschlüssen festgeschnallt. Sie fühlt sich hilflos. Sie spürt ein heftiges Rütteln in ihrem Bauch, kann wegen der Tücher vor sich nicht sehen, was passiert. Schließlich hält ihr eine OP-Schwester ihr neu geborenes Baby entgegen – Willkommen, Emma.

Schwab kann das Kind nicht berühren, nur einen Augenblick ansehen. Dann verschwindet die Schwester mit dem Kind aus dem Operationssaal. „Dieses euphorische Gefühl, das hat gefehlt. Stattdessen war da dieses Versagen: Ich habe es nicht allein geschafft.“

Vier Jahre später sitzt die 28-Jährige in ihrem Wohnzimmer im bayerischen Appetshofen bei Nördlingen und erzählt von der Geburt ihres ersten Kindes, als sei es gestern gewesen.

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Kaiserschnittnarbe nach 13 Wochen
Diese Kaiserschnittnarbe ist 13 Wochen alt.

Foto: Florian Eckl

Wie Schwab geht es vielen Frauen. Stundenlang liegen sie in den Wehen, kämpfen für eine natürliche Geburt. Kommt es doch zum Kaiserschnitt, fühlen sie sich, als hätten sie versagt. Wie viele sich damit quälen, erfasst keine Statistik, doch in Online-Foren finden sich hunderte Einträge von Frauen, die mit diesem Erlebnis hadern.

Die natürliche Geburt gilt als Ideal

„Einer der Gründe für die Belastungen der Frauen ist eine idealisierte Vorstellung, wie die Geburt ablaufen soll“, erläutert die Gesundheitspsychologin Judith Raunig. „Meiner Erfahrung nach empfinden 95 Prozent der Frauen den Kaiserschnitt als eigenes Versagen und denken: Ich habe nicht geschafft, was doch jede andere Frau schafft.“ In vielen Gesprächen mit Patientinnen habe sie zudem bemerkt, wie tabuisiert das Thema sei. Der Kaiserschnitt ist in Deutschland zwar als Geburtsmethode gängig, und manche Frauen wünschen sich diesen sogar explizit. Trotzdem gilt die natürliche Geburt als Ideal, schon weil sie Expertenmeinungen nach besser für das Kind ist.

Das setzt werdende Mütter wie Melanie Schwab indirekt unter Druck. „Ich habe mich geschämt. Ich dachte kurz: Das sag ich jetzt einfach keinem, dass ich einen Kaiserschnitt hatte.“ Ihre Tochter sei im Bekanntenkreis die erste Geburt per Kaiserschnitt gewesen. Auf den war sie zudem nicht vorbereitet. „Ich habe das Kapitel in meinen Geburtsvorbereitungsbüchern immer überblättert.“

Dass Frauen sich nach einem Kaiserschnitt schuldig fühlen, hat oft weitreichende Folgen: Manche wollen kein zweites Kind, weil sie sich vor erneutem Scheitern fürchten. Sie haben Probleme beim Sex und folglich auch in ihrer Partnerschaft. Zudem rutschen manche in eine Depression.

„Der Gedanke an die Geburt macht mich immer noch so traurig, und ich habe immer wieder das Gefühl, als wäre durch den Kaiserschnitt etwas in unserer Bindung zerbrochen“, schreibt eine Frau im Forum des Online-Familienmagazins urbia über ihre vier Monate alte Tochter. Einer anderen geht es ähnlich: „Ich habe auch vier Monate nach der Geburt nicht das Gefühl, dass es wirklich mein Kind ist. Ich habe einfach nicht gesehen, wie er aus mir raus kam.“

Bessere Betreuung im Kreißsaal könnte helfen

Die 36-jährige Anne Torka aus Ingolstadt beschäftigt ihr vermeintliches Scheitern schon seit neun Jahren. „Ich hatte schon vorher Angst, dass die Geburt meiner Tochter in einem Kaiserschnitt endet.“ Deshalb hätte sie sich eine Hebamme gewünscht, die sie anspornt und sagt: Du schaffst das. Doch diese Unterstützung fehlte ihr.

Viele Experten fordern eine 1:1-Betreuung im Kreißsaal, um die Frauen während der Geburt in ihren eigenen Fähigkeiten zu bestärken. Denn oft betreut eine Hebamme bis zu sieben Frauen gleichzeitig. „Die Unzufriedenheit mit der Art der Geburtshilfe nimmt zu“, sagt Hebamme Isabel Graumann, die seit 20 Jahren Hausgeburten betreut.

Ein Vorbild ist etwa die Geburtshilfe in Holland. Während in Deutschland fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt kommt, ist es dort nur etwa jedes Sechste. Hier sind es die Hebammen, die Frauen während der Schwangerschaft betreuen und oft auch während der Geburt die Hauptverantwortung tragen. In Deutschland liegen Vorsorge und Geburt vor allem in der Hand der Ärzte. Hier variiert die Kaiserschnittrate von Klinik zu Klinik zum Teil erheblich, da es in vielen Fällen vor allem im Ermessensspielraum des Arztes liegt, ob ein Kaiserschnitt wirklich nötig ist, oder nicht.

Mangelt es an der Betreuung, besteht die Gefahr einer psychischen Belastung nach der Geburt. Denn sind die betroffenen Frauen nicht auf den Kaiserschnitt vorbereitet, fühlen sie sich unter Umständen hilflos und zum Teil vom Klinikpersonal übergangen.

Rücksprache mit den Ärzten ist wichtig

Dr. Sven Kehl, Privatdozent und Oberarzt an der Frauenklinik in Erlangen, rät deshalb, während der Geburt viel mit den werdenden Müttern zu reden und ihnen zu erklären, was vor sich geht. Wichtig sei aber auch, dass die Frauen schon vorab mit den Ärzten und Hebammen sprechen. „Dann kennen wir die werdende Mutter besser, sie kennt uns, und wir notieren in den Akten, welche Ängste und Wünsche da sind.“ Fühle sich eine Frau übergangen oder schlecht behandelt, sei im Nachhinein außerdem Rückmeldung wichtig. Nur so könne sich das Klinikpersonal verbessern. „Wir bekommen häufig nicht mit, wie es den Frauen danach geht, das merkt nur die Hebamme in der Nachsorge.“

Der erste Schritt nach einem belastenden Geburtserlebnis ist laut Psychologin Judith Raunig zudem, sich selbst zu verzeihen. „Wenn eine Frau anfangen kann, zu ihren negativen Gefühlen zu stehen, und darüber redet, ist viel getan.“

Melanie Schwab hat das geschafft. Sie spricht über ihre Erfahrung, aufgearbeitet hat sie sie mit Hilfe ihrer Hebamme. Trotzdem: Ein positives Gefühl beim Gedanken an ihre erste Geburt bringt ihr niemand mehr zurück.

Aufmacherfoto: Florian Eckl

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