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Ich sah dich stürzen

Katharina war Elias’ Vorbild, bis sie mit Heroin ihr Leben zerstörte. Die Geschichte einer zerbrochenen Geschwisterbeziehung, das Protokoll einer angekündigten Katastrophe.

Es war die Übernachtung bei Eva, mit der Katharinas* Absturz begann. Ein Absturz in vielen Kapiteln, wie ihr Bruder Elias* sagt. Es ist auch ihre gemeinsame Geschichte, die er erzählt. Wie Elias nur zusehen kann, als Katharina immer weiter in die Drogensucht abrutscht. Bis die Geschwisterbeziehung daran zerbricht.

„Geschwisterbeziehungen sind einzigartig“, sagt der Psychologe Harmut Kasten. Sie können eine lebenslange Quelle von Vertrauen und Nähe sein. Aber jede Geschwisterbeziehung birgt auch eine dunkle Seite.

Das erste Kapitel Scheitern als Tochter

Sommer 2001, Katharina ist 15 Jahre alt, flatterig und sprunghaft, trotzdem verpasst sie seit Jahren keine Tennisstunde. Gut in der Schule, obwohl unzuverlässig bei den Hausaufgaben. Immer laut, dann übt sie wieder stundenlang mit ihrem jüngeren Bruder Elias Klavier, Stück für Stück, Fingerübung für Fingerübung. Erklärt ihm, dass man beim Uno-Spielen den Joker nicht immer sofort legen sollte, dass ein Spickzettel auf dem Bein sicherer ist als einer auf dem Arm.

Elias ist neun Jahre alt, ein mäßiger Klavierspieler, hat noch nie einen Spickzettel geschrieben, als Katharina bei ihrer Freundin Eva zum ersten Mal kifft. Evas älterer Bruder hat das Gras besorgt. Davor? Keinen Schluck Alkohol, sagt Elias, gar nichts. Danach? Geht alles schnell. Nach dem Gras kommen die Pillen, mit den Pillen die neuen Freunde. Techno-Parties statt Tennistraining. Katharina verschwindet über Nacht, schläft am Tag, geht nicht mehr zur Schule, bricht sie schließlich ganz ab.

„Nachts kamen die Anrufe. Dass Papa sie sofort abholen soll, irgendwo, hunderte Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Dass sie Angst habe und überhaupt nicht wisse, wie sie dort hingekommen sei. Abends haben unsere Eltern die Haustüre abgeschlossen, in ihrem Kinderzimmer auf Katha eingeredet. Irgendwie kam sie immer raus. Warum haben sie Katha nicht besser festgehalten? Haben auch unsere Eltern versagt? Nein, sage ich mir heute. Meine Schwester war damals vielleicht keine gute Tochter, aber Mama und Papa keine schlechten Eltern. Abends hörte ich sie streiten –  wer trägt die Schuld, wo ist sie, was sollen wir tun – nachts weinen. Ich hörte all das und ich sah Kathas Umriss im Dunklen durch mein Zimmer schleichen, ein Verbindungszimmer.

Ich war zehn Jahre alt, verstanden habe ich es erst viel später. Wie viel Energie es unsere Eltern kostete, wie weh es ihnen tat, dass jeder neue Anlauf ebenso umsonst war wie der vorherige. Ich habe gesehen, wie sie beim Versuch, ihr zu helfen, scheiterten und irgendwann auch daran verzweifelten, später. Nur die Hoffnung haben sie nie aufgegeben, das nicht. Aber schon da haben sie gelitten, haben wir alle gelitten, auch mein älterer Bruder und ich. Wenn Katha verschwunden war, eine 16-Jährige einfach weg, waren wir panisch vor Angst, wenn sie high zurückkam, hat sie Mama und Papa beschimpft und bespuckt.

Komisch eigentlich, aber damals habe ich nie über eine größere Bedeutung von dem, was so passierte, nachgedacht. Dass sie langsam abstürzt, dass da noch mehr kommen könnte, das muss ich wohl einfach ausgeblendet haben. Ich wusste schon, dass etwas Schlimmes passiert. Wenn nachts die Polizei anrückte, weil meine Schwester weg war, war ich für alle der schlafende, kleine Junge. Und lag hellwach, starr vor Angst in meinem Bett, zählte die Stunden, bis die Schule anfangen würde. Aber das waren Situationen, die am nächsten Tag, spätestens an dem darauf, verflogen waren.

Sie erzählte mir von ihren Erlebnissen. Ich war mittlerweile zehn, sie war 16 und da waren diese Nächte, aber da war immer noch dieser andere Gedanke, dieses „Cool, sie geht feiern und ist richtig erwachsen“. Erst später wurde mir klar, dass sie mich oft belogen haben muss, dass ihre Geschichten nicht zusammenpassten. Wenn sie nachts feiern gehen wollte, sollte ich unseren Eltern manchmal Lügen für sie erzählen. Sie übte ihre Alibis mit mir so gewissenhaft und geduldig wie vorher die Klavierstücke. Mir hat sie vertraut, nicht unserem älteren Bruder, obwohl ich der Kleine war. Ich habe zu ihr aufgesehen, sie bewundert. Sie war ja immer so kreativ, das ganze Klavierspielen und Zeichnen, das wollte ich auch. Das hatte sie trotz der Drogen nicht vollkommen aufgegeben, noch nicht. Ab und zu spielte sie noch Klavier, aber nie mehr mit mir. Wenn etwas nicht schnell genug klappte, wurde sie jetzt aggressiv.“

 „Geschwister kann man sich nicht aussuchen, sie haben etwas Schicksalhaftes, etwas Mythisches. Die Geschwisterforschung kennt nur wenige Regelmäßigkeiten. Eine ist die Bedeutung des Altersabstands: Eine Geschwisterbeziehung ist emotional etwas distanzierter, wenn er sehr groß ist, also bei mehr als vier Jahren Abstand. Dafür ist auch die Neigung weniger ausgeprägt, Fehlverhalten der Geschwister zu verurteilen. Was kann ein großer Bruder, eine große Schwester sein? Ein Vorbild, Reservevater oder -mutter, ein Vertrauter. Viele Konstellationen sind möglich.“

Das zweite Kapitel Scheitern als Schwester

Mit 16 schicken die Eltern Katharina in eine Entzugsklinik. Auch von dort haut sie ab. Es ist der Sommer, in dem das Klavier endgültig verstummt. Eigentlich wohnt Katharina noch zuhause, die meiste Zeit lungert sie aber mit ihrem neuen Freund am Busbahnhof herum. Er ist Alkoholiker, sie ist irgendwann schwanger, beide sind arbeitslos. Katharinas Eltern besorgen ihnen Arbeit und Wohnung, innerhalb weniger Monate ist beides weg.

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Busbahnhof mit Bierflasche
Als sie 16 ist, wird der Busbahnhof zu Katharinas zweitem Zuhause.

Foto: Jana Gäng

„In der Entzugsklinik habe ich sie besucht, gemeinsam mit unseren Eltern. Mein Bruder wollte sie nicht sehen. Kurz davor hatte sie sein Fahrrad geklaut und verkauft, für Drogen, vermutlich. Er ist vier Jahre älter als ich, vielleicht auch deshalb weniger naiv. Für mich hatte das alles wenig mit meiner Schwester zu tun. Es war eher etwas, was ihr passierte, nicht ihr eigenes Versagen. Kurz danach hat sie uns im Urlaub ein Foto von ihrem neuen Freund gezeigt. Mit ihm war es anders, er zog sie noch viel tiefer rein. Er war älter als sie, aber kein bisschen weiter im Leben.

Es ist eine kleine Stadt, sonntags war ich oft mit meinen Freunden zum Skaten in der Nähe des Busbahnhofes. Da war mir meine Schwester zum ersten Mal peinlich. Irgendwann habe ich so getan, als würde ich sie nicht sehen. Sinnlos, natürlich. Die Nachbarn wussten sowieso Bescheid, die Lehrer, irgendwann kannte jeder Polizist unseren Namen. In ihrem alten Zimmer fand ich Teelöffel, schwarz angelaufen an der Unterseite. Irgendwann zu dieser Zeit muss sie also mit Heroin angefangen haben. Ich hätte es ahnen müssen, mein Bruder hat das sicher.

Da muss sie 17, 18 Jahre alt gewesen sein. Es war ein Schock. Während ihrer Schwangerschaft hat sie sich aber zusammengerissen. Sie machte mit ihrem Freund Schluss, besuchte wieder eine Schule, zog in eine Wohnung in der Nähe. Wir dachten alle, dass sie sich wieder fängt, es dieses Mal schafft. Bis sie einmal auf dem Rückweg vom Kino in ihre Stammkneipe verschwand, mich einfach davor stehen ließ. ‚Warte auf mich‘, sagte sie, ‚und erzähl das keinem‘. Da hatte ich es satt. Nach außen hin lief alles besser als je zuvor, unsere Eltern schöpften Hoffnung, unser Bruder redete wieder mit ihr, aber für mich war sie niemand mehr, zu dem ich aufsehen wollte. Ich machte mir Sorgen, wollte sie verraten, verriet sie doch nicht. Nur gehasst habe ich sie nie, das nicht.“

„Beim Heranwachsen wenden sich Jugendliche  – in unserem Kulturkreis – erstmal anderen, wichtigeren Bezugspersonen zu als den Geschwistern – den peers, den Gleichaltrigen. Sie nabeln sich von ihren Familien ab, suchen sich eigene Schauplätze. Es gibt nur noch wenig belastbares  Material, das dafürspricht, dass ältere Geschwister sich für die Jüngeren verantwortlich fühlen. Es passt nicht mehr zum Zeitgeist. In unseren Familien sind Solidarität und Verpflichtungsgefühl längst nicht mehr so vordergründig wie noch vor einigen Generationen. Es geht jetzt stärker um ich-bezogene Werte; sein eigenes Glück zu schmieden, Selbstverwirklichung.“

Das dritte Kapitel Scheitern als Mutter

Das Baby kommt, die scheinbare Besserung hält an. Anfangs kümmert sich noch Katharinas Mutter um ihr Kind, dann darf es zu ihr in die neue Wohnung ziehen. Sie gestaltet ein Fotoalbum: Jennies* erste Wochen. Sie verspricht ihrer Familie, endgültig mit den Drogen aufzuhören. Dann lernt sie Marc kennen. Neuer Freund, alte Drogen, wieder Heroin. Das Fotoalbum endet mit einem Bild von der Taufe, danach folgen leere Seiten.

Irgendwann gibt Katharina das Baby endgültig bei der Mutter ab. Wenn sie zu ihren Eltern kommt, dann um zu essen oder um Geld zu betteln. Das Heroin ist gefräßig, es reißt Löcher in ihre Zähne und Wunden in ihre Haut. Weil beide kein Geld haben, brechen Katharina und Marc in Garagen und Keller ein, räumen sie aus, verscherbeln alles. Im Herbst 2008, Katharina ist 22, kommt sie ins Gefängnis.

„Und das war das Schlimmste, dass sie als Mutter so versagte. Einmal, da wohnte Jennie noch bei ihr, brachte ihr Freund das Baby zu uns, weil sie tagelang verschwunden war, einfach so. Irgendwann gab sie das Muttersein ganz auf. Welche Mutter gibt ihr Kind einfach ab? Sie war mir nicht mehr peinlich, ich habe mich geschämt ihr Bruder zu sein. Wir waren ihr total egal, ich war ihr egal, ihre Tochter war ihr egal. Unsere Eltern sah sie nur noch als Geldgeber, persönliche Drogenfinanziers. Wöchentlich stand sie da, manchmal häufiger, sonntags gab ihr mein Vater immer Geld. Obwohl er wusste, wofür. Weil er ihr auch nicht nichts geben konnte. Auch da haben unsere Eltern nicht aufgehört zu glauben, dass alles wieder in Ordnung kommt.

Als ich benutzte Spritzen in ihrer Wohnung fand, der Wohnung, in der Jennie gelebt hatte, erzählte ich ihnen nichts davon. Es war bereits genug, glaube ich. Wenn ihr das Geld ausging, rastete meine Schwester aus, schrie uns an, schlug und kratzte. Sie klaute mein Taschengeld, das Geld unseres Bruders, das unserer Eltern. Irgendwann klopfte sie auch bei unseren Nachbarn, um zu betteln. Zum ersten Mal war ich wütend auf sie, eine anhaltende Wut, die einzelne Situationen überdauerte und die jahrelange Sorge um sie manchmal sogar überdeckte. Einmal habe ich ihr das Telefon an den Kopf geworfen. Und sie dann trotzdem im Gefängnis besucht. Damit sie wusste, dass jemand noch zu ihr hält, damit ich wusste, wie es ihr geht.“

„Was verbindet Geschwister? Blut ist, wie man so schön sagt, ein ganz besonderer Saft. Das Genetische, das aus-einem-Nest-kommen, es lässt sich nicht wegdeuten. Es ist das, was ein wenig magisch ist. Man verzeiht Geschwistern mehr als Freunden. Durchschnittlich 50 Prozent genetische Ähnlichkeit bringen Geschwister mit. Das kann viel sein oder wenig. Je nachdem, worauf man das Augenmerk richtet, können sich Geschwister als ähnlich oder unähnlich erleben. Geschwisterbeziehungen und die Wahrnehmung der gegenseitigen Ähnlichkeit verändern sich ja auch. Aber die ersten Jahre, in denen Geschwister miteinander auskommen mussten, in denen ihre Beziehung durch Höhen und Tiefen immer wieder neu stabilisiert wurde, sie bestehen.“

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JanasDrogen-2
Vor dem Absturz: Ein Kindheitsfoto von Katharina.

Foto: Jana Gäng

Das letzte Kapitel Scheitern als Bruder

Im Gefängnis verschreibt der Arzt Katharina Methadon, eine Ersatzdroge, um sie vom Heroin zu lösen. Sie bricht den Kontakt zu ihrem alten Freund ab, lernt aber schon im Gefängnis einen Neuen kennen. Wieder ein Marc, wieder ein Junkie. Sie schreiben sich Briefe, verlieben sich. Draußen ziehen sie zusammen, da ist sie 24. Er kifft, sie ist noch auf Methadon, beide leben von Arbeitslosengeld. Aber es geht jetzt mehr bergauf als bergab, sie sind mehr Familie als Süchtige. Katharinas Tochter darf zu ihr ziehen.

„Sie waren eine kleine Familie und ich hätte mich freuen sollen. Aber meine Schwester sah schrecklich aus, eklig. Man hat ihr alles angesehen, an den Zähnen, an der Haut. Ich wollte endlich Normalität und raus. Ich war gerade von Zuhause zum Studium ausgezogen, als sie mit ihrem neuen Freund zusammenzog. Ja, es ging ihr besser, sie war vielleicht wieder ein bisschen mehr Katha, aber ich hatte nicht mehr das Gefühl, sie noch zu kennen.

Da war noch das Methadon, da waren noch ihre neuen Fantasien und Träume. Dauernd redeten sie von Marcs Durchbruch als Rapper. Sie sponnen herum, dass dann alles anders werden würde, sie das große Geld machen könnten. Die glaubten das wirklich. Mir war das inzwischen egal, ich lebte jetzt in der anderen Stadt. Ich dachte an mich, aber das heißt nicht, dass ich nicht auch an sie dachte. Wie oft nahm ich mir vor, sie wieder mal anzurufen. Bald.“

„Geschwisterbeziehungen sind immer ambivalent, zwiespältig. Da ist einerseits Nähe, Vertrauen, Liebe, andererseits vielleicht Konkurrenz, Wut, Eifersucht, schlechte Erlebnisse. Negatives unter den Teppich zu kehren ist das Gift für eine Geschwisterbeziehung. Irgendwann kommt es zum Ausbruch und man hat vielleicht das Gefühl: Das ist ein anderer Mensch, da ist keine Begegnung mehr. Wann überwiegt die dunkle Seite in der Geschwisterbeziehung, die schließlich zum Bruch führt? Es ist schwer zu prognostizieren. Aber selbst wenn man formal sagt, du bist nicht mehr mein Bruder oder meine Schwester, ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben; selbst dann haben Geschwister unterschwellig einen festen Platz. Das ist das, was manchmal als Prägung bezeichnet wird. Man trägt sie in sich, als inneres Bild  und das bleibt lebendig, auch wenn der Kontakt äußerlich eingestellt wird.“

Im Winter 2012 verunglückt Katharina tödlich bei einem Autounfall. Das erste Mal seit Monaten hat sie wieder Kontakt zu den Eltern aufgenommen, ist auf dem Weg zu ihnen, als der Fahrer kurz einnickt, das Auto gegen die Leitplanke kracht.

* Die Namen im Text wurden von der Autorin verändert.

Alle Fotos inklusive Aufmacherfoto : Jana Gäng

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