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Aus dem Amt,
aus der Welt

Sie verlieren nach der Wahl nicht nur ihren Chefsessel, sondern auch ihre Bedeutung. Viele Bürgermeister haben keinen Plan B nach einer Abwahl. Das geht auf die Psyche und den Geldbeutel. 

Immerhin kann er jetzt mit Sporthose in den Aldi. Einer der wenigen Vorteile seines neuen Lebens, findet Hans-Jürgen Moos. So wollte es aber nicht er, sondern sein Ort. 16 Jahre lang war Moos Bürgermeister von Meckesheim in der Kurpfalz. Vor einem Jahr verlor er überraschend die Wiederwahl – und stand ohne Plan da.

Es ist das Risiko der Demokratie. Vor allem Bürgermeister, die schon länger im Amt sind, verdrängen den Gedanken, sie könnten jemals bei einer Wahl verlieren. In ihrer Siegessicherheit denken sie nicht daran, wie ihr Leben nach einer Niederlage aussehen würde. Die Folge: Plötzlich haben sie keine Bedeutung mehr, keinen Job, keine Perspektive.

Wildes Durcheinander: Zwischen fünf bis acht Jahren im Amt

In Deutschland gibt es über 11 000 amtierende Bürgermeister. Eine Amtszeit dauert je nach Bundesland zwischen fünf und acht Jahren. Was danach mit ihnen passiert, ist schwer zu sagen. Bundesweite Vergleichszahlen gibt es nicht.

Timm Kern hat für seine Doktorarbeit Kommunalwahlen in Baden-Württemberg analysiert. Die Beobachtung aus 30 Jahren: „Es gibt einen sehr starken Trend, dass Amtsinhaber immer häufiger abgewählt werden.“

Viele von ihnen seien dann am Boden zerstört, waren auf ihre Niederlage nicht vorbereitet, sagt der Politikwissenschaftler. Das habe viele Gründe: Zu groß ist der Zeitaufwand im Rathaus, zu viel Kraft kosten die Aufgaben. Außerdem komme es bei den Bürgern nicht gut an, wenn sich ihr Rathauschef bereits nach neuen Jobs umsieht, obwohl er noch im Amt ist.

Auch Hans-Jürgen Moos hatte keine Zeit für solche Gedanken. Seine politische Laufbahn verlief wie eine Traumkarriere: 1991 trat er in die SPD ein, später wurde der Familienvater Orts-, Kreisvorsitzender und stellvertretender Landesvorsitzender. Im Jahr 2000 brauchte der 5000-Seelen Ort Meckesheim einen neuen Bürgermeister. Als Kreisvorsitzender war es die Aufgabe des damals 27-Jährigen, einen Kandidaten zu suchen – und fand ihn in sich selbst.

Zwei Amtszeiten und 16 Jahre später waren es nur 50 Stimmen, die ihm seinen Job wieder kosteten. Moos war nicht mehr Süddeutschlands jüngster Bürgermeister, sondern mit 44 Jahren einer der jüngsten Pensionäre. Für ihn eine harte emotionale Bauchlandung. Immerhin sei er finanziell weich gefallen, sagt er heute. Nach zwei Legislaturperioden steht ihm rund die Hälfte seines Bürgermeistergehaltes als Pension zu. Das sind mehr als 3 000 Euro. Auch hatte er das Glück, in Teilzeit zu seinem früheren Arbeitgeber zurückkehren. Härter getroffen hat ihn seine plötzliche Bedeutungslosigkeit: „Da ist jetzt einer in meinem Arbeitszimmer, meinem Rathaus, meiner Gemeinde. Das ist mit einem Ego als früherer Bürgermeister schwer vereinbar.“

Nach acht Jahren als Rathauschef: Keine Pension, kein Job

Auch Paul Witt kennt die Probleme abgewählter Bürgermeister. Der Rektor der Verwaltungshochschule Kehl rät in seinen Bürgermeisterseminaren, sich bereits während der Amtszeit ein Netzwerk aufzubauen, das einen später wieder auffängt. „So finden auch Rathauschefs kleinerer Gemeinden einen Job. Wenn sie wollen.“

Bei Ralf Ledertheil hat das nicht funktioniert. Der zweifache Familienvater war sechs Jahre lang Bürgermeister im fränkischen Bad Windsheim. Mit 57 Jahren hat er dann gegen seinen Herausforderer verloren. Nicht einmal in die Stichwahl hat er es geschafft. Das Pech für Ledertheil: In Bayern reichen sechs Jahre Amtszeit nicht für eine Pension – die gibt es erst nach zehn. Der ehemalige Banker stand ohne Job, Einkommen und Unterstützung da. „Ich habe 130 Bewerbungen losgeschickt, aber da hat sich nichts ergeben“, sagt der heute 61-Jährige. Zwei 450-Euro-Jobs hat er bekommen. Menschen mit Behinderung für die Lebenshilfe fahren. Heute ist er wieder arbeitslos. Seine Frau ernährt die Familie.

Es gebe vereinzelt sogar  frühere Kommunalpolitiker, die von Hartz IV leben, bestätigt der Bayerische Gemeindetag. Wahlbeamte dürfen nämlich nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen. „Wir hoffen, dass Bürgermeister im Amt schon mal privat vorsorgen“, heißt es vom Bayerischen Gemeindetag.

Die Psyche leidet noch immer an der Abwahl

Ein Jahr vor der Wahl hat Hans-Jürgen Moos eine alte, sanierungsbedürftige Mühle im Ort gekauft. Mehr als 8000 Quadratmeter hat das Grundstück. Dazu eine Scheune und drei Esel. Lange hat er darüber nachgedacht wegzuziehen, doch er ist geblieben. Hier organisiert er jetzt häufiger Weihnachtsmärkte, Kulturfeste, und auch ein Café kann er sich vorstellen.

Wenn alte Projekte aus seiner Amtszeit fertiggestellt werden, kommen die Erinnerungen zurück. Im September wird eine Spiel- und Sportanlage eingeweiht, für die er jahrelang gekämpft hat. „Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich es emotional schaffe, hinzugehen. Aber eigentlich mag ich mein Meckesheim dafür zu sehr.“

Aufmacherfoto: Florian Eckl 

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