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Das Verlieren der Anderen

Gierig, süchtig, bankrott: Jeden Tag ruinieren Menschen ihr Leben in Spielhöllen. Die Mitarbeiter dort können nur zusehen. Lässt sie das kalt?

Ein greller Signalton schallt durch den Saal der Spielbank Bad Wiessee. Thomas Hock, gekleidet in schwarzem Anzug und Fliege, schaut auf den blinkenden Pager in seiner Hand. An Roulettetisch drei, ganz am anderen Ende des weitläufigen Spielraums, gibt es Unruhe. Zwei Gäste streiten sich darum, wer den Jeton auf die Gewinnzahl gesetzt hat – der eine gut einen Kopf größer als der andere. Beide diskutieren wild gestikulierend über den Tisch hinweg. Hock muss schlichten.

Situationen wie diese gehören zum Alltag für Angestellte von Spielbanken. Sie arbeiten dort, wo Menschen ihr Geld verspielen. Auch in den düsteren Spielhallen, fern von Anzugträgern und Champagner, haben Mitarbeiter täglich mit Verlierern zu tun. Was macht das mit den rund 110.000 Beschäftigten, die so ihr Geld verdienen?

Saalchef Thomas Hock schaut in der Spielbank Bad Wiessee auf seinen Pager.
Saalchef Thomas Hock verdient sein Geld dort, wo es andere verlieren.

Foto: Christoph Wiesel

Thomas Hock arbeitet seit 17 Jahren in Bad Wiessee – zu Beginn als Croupier, inzwischen als Saalchef. Der 38-Jährige ist immer dann gefragt, wenn es an den Tischen Probleme gibt. Als abwechslungsreich und spannend beschreibt der Mann seine Tätigkeit, ohne dass ihm eine Begeisterung für seinen Beruf wirklich anzusehen ist. „Es ist schon eine sehr stressige Tätigkeit“, räumt er denn auch ein – zum Beispiel wenn es alle fünf Minuten Streit unter den Gästen gibt, den Hock klären muss.

Distanz zu den Spielern aufbauen

Im Beruf täglich mit Menschen konfrontiert zu sein, die ihr Geld verlieren, ist keine einfache Aufgabe, sagt der Arbeitspsychologe Severin Schultheiß. „Die Mitarbeiter brauchen eine gute soziale Vernetzung und emotionale Abgrenzung“, um nicht in Burn-Out oder Depression abzurutschen.

Saalchef Thomas Hock hat es geschafft, Distanz zu den Spielern aufzubauen. „Wenn ich mir jedes Mal Gedanken machen würde, wenn jemand verliert, hätte ich den falschen Beruf“, sagt er. Schließlich werde ja niemand zum Spielen im Casino gezwungen.

Auch wenn das genauso für Spielhallen gilt, füttern in einer Halle am Münchner Hauptbahnhof schon am Vormittag Spieler die surrenden Automaten mit ihren Geldmünzen. Über 25 Milliarden Euro werden jährlich an solchen Spielgeräten umgesetzt – und damit viermal so viel wie an den Roulette- und Kartentischen der Spielbanken.

Ab und zu wird das Surren der Automaten vom Klackern der Münzen durchbrochen. Über den Gewinn freut sich hier aber niemand. Ein paar Minuten später ist das gewonnene Geld im nächsten Automaten verschwunden, und die Stille ist zurück.

„Beim Shoppen sagt mir ja auch keiner, dass ich aufhören soll“

Hinter einer Theke beobachtet ein Automatentechniker den Spielraum. Mitleid verspürt der Mann nicht, der lieber anonym bleiben möchte. „Wenn die Spieler nicht bei uns spielen, spielen sie eben woanders“, sagt er. Wirklich helfen könne er ohnehin nicht. Er hat die Erfahrung gemacht, dass gerade Spielsüchtige aggressiv reagieren, wenn er sie auf ihr auffälliges Spielverhalten anspricht.

Dabei sind die Mitarbeiter durch eine Änderung des Glücksspielstaatsvertrages genau dazu verpflichtet. Die Realität sieht aber oft anders aus.

In einer amerikanischen Spielhalle stehen viele Spielautomaten nebeneinander.
Nur wenige Spielhallen in Deutschland sehen so glamourös aus wie diese in den USA.

„Beim Shoppen sagt mir der Verkäufer ja auch nicht, dass ich aufhören soll“, argumentiert eine andere Mitarbeiterin, die ihren Namen ebenfalls nicht nennen möchte. Gefährdete Spieler müssten ihr Problem schon selbst bemerken und um Hilfe bitten. Für diesen Fall hält die 26-Jährige Suchthilfeflyer mit den „Spielregeln“, wie sie sie nennt, hinter der Theke bereit. Zu mehr fühlt sie sich nicht verpflichtet: „Schließlich kommen die Leute, um zu verlieren.“

Mitarbeiter haben keine moralische Sicherheit

Dass manche Mitarbeiter ihre Arbeit aber doch hinterfragen, zeigen Untersuchungen von Gerhard Meyer, Professor für Psychologie an der Universität Bremen. Er hat für eine Studie Angestellte von Spielhallen interviewt. Dabei äußerten viele Befragte Bedenken, einfach zuzuschauen, wie sich Menschen ruinieren. Eine wichtige Rolle hat Meyer zufolge die Geschäftsleitung. Besonders im Umgang mit Spielsüchtigen müsse es im Betrieb klare Regeln geben: „Dann haben die Mitarbeiter moralische Sicherheit.“ Oft ist das aber nicht der Fall, ergaben die Nachforschungen des Experten.

Zu diesem Schluss kommt auch die Gewerkschaft ver.di. Mitarbeiter in Spielhallen würden zwar im Spielerschutz geschult, intern jedoch dazu angehalten, Kunden nicht zu „belästigen“, heißt es bei den Arbeitnehmervertretern.

Das führt zu Unsicherheit bei den Angestellten – über ihre Aufgaben und die moralische Vertretbarkeit ihrer Arbeit. Viele erzählen nicht einmal ihrer Familie und Freunden, wo sie arbeiten, sagt Psychologe Meyer.

Ethische Bedenken sind unbegründet

Und selbst bei einigen Mitarbeitern in Spielbanken, in denen generell mehr auf den Schutz gefährdeter Spieler geachtet wird als in Spielhallen, bleiben Zweifel. So wirft etwa ein frisch ausgebildeter Croupier in einem Internetforum die Frage auf, ob es in Ordnung ist, womit er da sein Geld verdient.

Für den Wirtschaftsethiker Karl Homann sind solche Bedenken unbegründet. Auch wenn man das Glücksspiel selbst für unmoralisch halte, könne man das den Angestellten der Betriebe nicht vorwerfen. Am grundlegenden Geschäftsmodell könnten die Einzelnen selbst schließlich nichts ändern: „Das liegt in der Verantwortung der Gesellschaft.“ So sieht es zumindest der Ethik-Experte.

In der Spielbank Bad Wiessee hat Saalchef Thomas Hock den Vorfall inzwischen geklärt. Die Kamerabilder zeigen, dass dem Größeren der beiden Kontrahenten der Gewinn zusteht. Der Verlierer muss sich damit abfinden, dass sein Geld weg ist. Die Hoffnung treibt ihn zum nächsten Tisch, nur um dort kurz danach erneut Jetons verschwinden zu sehen. Für Saalchef Hock gehört das Verlieren zum Spiel dazu: „Spaß kostet eben Geld.“

Unterschied zwischen Spielbank und Spielhalle

Während Spielbanken von staatlicher Seite geführt werden, sind Spielhallen oder Spielotheken in privater Hand. Glücksspielautomaten sind überall zu finden. Das Große Spiel, wie Roulette oder Kartenspiele, gibt es allerdings nur in Spielbanken.

Änderung der gesetzlichen Regeln

Seit Juli 2017 gelten für Spielhallen neue Regeln. Insbesondere müssen Betreiber seither einen Mindestabstand zu anderen Spielhallen einhalten. Vielen Betrieben droht daher die Schließung. Die neuen Regeln haben Bund und Länder bereits 2011 als Änderung des Glücksspielstaatsvertrages beschlossen, bis 2017 galt für bestehende Betriebe ein Bestandsschutz. Mit der Verschärfung soll die Spielsucht bekämpft werden.

Der Artikel wurde am 16. Oktober 2017 von den Autoren aktualisiert.
Aufmacherfoto: Florian Eckl

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