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Das falsche Versprechen

3er BMW und Victory-Zeichen. Auf Facebook inszenieren sich abgelehnte Asylbewerber häufig als Gewinnertypen. Riskieren deshalb mehr Menschen ihr Leben auf der Flucht nach Europa?

Boubacar Bah*, 22, gibt es zweimal. Einmal im Internet, einmal in einem kleinen Kaff in Niederbayern. Auf Facebook ist Bah der Mann, der er im echten Leben nie sein durfte. Jung und erfolgreich. angekommen in Deutschland. Da lehnt er lässig an einem 3er BMW, Träumerblick, weißes Tank-Top, die Rastas unter einer Wollmütze zusammengesteckt. Kopfhörer baumeln um den Hals, um das Handgelenk eine silberne Uhr. Bah, der Gewinnertyp. 41 Personen gefällt das.

In der analogen Welt sitzt Bah vor einem zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Bauernhaus, in der Hand das Dokument seines Scheiterns. Sein Asylbescheid. Negativ. Für Bah bedeutet das: kein Deutschkurs, keine Arbeit und erst recht kein Auto. Seine gambischen Facebookfreunde wissen davon nichts.

„Viele Menschen, die es nach Libyen oder Europa geschafft haben, sehen sich gezwungen Erfolgsgeschichten zu erzählen, auch wenn sie gescheitert sind“, sagt Belachew Gebrewold, Migrationsforscher am Management Center Innsbruck. „Das hat ökonomische Gründe und psychologische Gründe: Einerseits verschulden sich die Familien häufig, um die Flucht eines Familienmitglieds zu bezahlen. Andererseits ist der Migrant ausgezogen, um die Familie stolz zu machen.“ Für viele sei es keine Option, als Versager zurückzukehren.

Facebookprofile als Notlügen

„Es gibt dieses nigerianische Sprichwort: Wenn du deines Vaters Haus verlässt: Kehre mit vollen Händen zurück – oder niemals wieder“, sagt Lamin Janneh. Der Filmemacher ist vor drei Jahren selbst als Flüchtling von Gambia nach Österreich gekommen. Heute macht er seinen Doktor in Kommunikationswissenschaften und plant gerade das Video-Projekt „Under the trust tree“, das Menschen in Westafrika über die Lebensrealität der Asylbewerber in Europa aufklären soll. „Die Erwartungshaltung der Daheimgebliebenen ist enorm.“ Ein bisschen seien die Facebookprofile der Geflüchteten daher Notlügen, um das Gesicht zu wahren. Viele solcher Notlügen drohen zum falschen Versprechen werden.

Migrationsforscher Belachew Gebrewold ist sich sicher, dass Fehlinformationen ein Grund dafür sind, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen ihre Heimatländer in West- und Sub-Sahara-Afrika Richtung Libyen verlassen haben. Die einen, um dort Arbeit zu finden, die anderen als Zwischenstation nach Europa. „Die jungen Leute sehen die Bilder von den Angekommene in den sozialen Medien und fragen sich: ‚Wenn der das geschafft hat, warum schaffe ich das nicht auch?'“,sagt Gebrewold.

Unerwünschte Wahrheit

Und die 5000 Menschen, die allein im Jahr 2016 im Mittelmeer ertrunken sind? Die ungezählten Toten in der Sahara? Die Geschichten von Folter und Vergewaltigung in Libyen? Die Flüchtlingsgefängnisse, die von deutschen Diplomaten im Frühjahr als „KZ-ähnlich“ beschrieben wurden? Das spiele bei der Entscheidung „Gehen oder Bleiben“ nur eine untergeordnete Rolle, sagt Gebrewold. „Die Geschichte schreiben die Angekommenen, nicht die Umgekommenen.“

Boubacar Bah spricht nicht gerne über seine Geschichte. Wenn er mit seinen Eltern in Gambia telefoniert, dann redet er lieber über seine Kindheit, die Vergangenheit. Oder seine Träume, eine Zukunft vielleicht. Die Gegenwart erwähnt er von sich aus nie. Und wenn sie doch einmal fragen, die Eltern? „Dann erzähle ich ihnen die Wahrheit“, sagt Bah. „Dass ich keine Arbeit habe, kein Geld, obwohl ich in Deutschland lebe. Dass mich die Leute auf der Straße ansehen wie einen Außerirdischen, dass ich Angst habe abgeschoben zu werden“. Doch ob sie ihm glauben, da ist er sich nicht sicher. „Das ist nicht das Europa, das sie aus dem Internet oder aus dem Fernsehen kennen.“

Zerrbild Europa

Warum aber fliehen Menschen auch dann, wenn Angehörige in Europa sie warnen? Die Kommunikationswissenschaftlerin Anke Fiedler hat im vergangenen Jahr die Kommunikation von syrischen und irakischen Flüchtlingen analysiert. Ihr Fazit: Etwa gleichbedeutend mit dem persönlichen Kontakt ist das sogenannte „Broadcast Feedback“, das die Daheimgebliebenen über Facebook erreicht. Es sind die Selfies mit Victory-Zeichen, Fotos vor dem Brandenburger Tor und vor teuren Autos, die das Europa-Bild prägen. Psychologen nennen dieses Phänomen „Confirmation Bias“, grob zu übersetzen mit „Bestätigungsverzerrung“. Menschen suchen immer nach Informationen, die bestätigen, was sie glauben wollen – und nicht die Fakten, die dagegensprechen.

Dabei sind es gar nicht so sehr die Flüchtlinge und Migranten, die für das Klischee vom „Paradies Europa“ verantwortlich sind. Die besten Argumente liefert der Zielkontinent selbst. Filmemacher Lamin Janneh nennt es die „offensive Selbstvermarktung“ Europas. „Wenn etwa die BBC über Afrika berichtet, dann geht es in 90 Prozent der Fälle um Bürgerkriege, Epidemien oder Armut. Wenn hingegen über Europa oder die USA berichtet wird, dann zeigen sie technische Neuerungen, demokratische Wahlen oder neue Medikamente“, beschreibt Janneh seine Eindrücke.

Der Migrationsforscher Belachew Gebrewold hat bei seinen Recherchen ganz ähnliche Beobachtungen gemacht: „Das Bild, das Europa von sich zeichnet, ist gewollt. Bilder von Sportwettkämpfen und Weltmeisterschaften oder vom Neujahrskonzert in Wien locken nicht nur potentielle Touristen aus Japan und China, sondern auch potentielle Migranten aus Afrika. Die Bilder erzielen eine Wirkung, die so nicht gewollt ist.“ In einer Zeit, in der die Globalisierung Internet und Satellitenschüsseln bis in die letzten Winkel des Planeten gespült hat, hadert Europa mit dem eigenen Image.

 Willkommen in der Realität

Boubacar Bah und seine Mitbewohner in der Flüchtlingsunterkunft in Niederbayern haben nicht gewusst, was sie einmal in Europa und später in Deutschland erwarten würde. Sie wussten nicht, dass das Bundesamt für Migration (BAMF) im Jahr 2017 nur einem von 30 Gambiern den vollen Asylstatus zusagen wird und einem von 20 Senegalesen. Und dass für die allermeisten westafrikanischen Staaten die Quoten kaum besser stehen. An diesem Abend sitzen die jungen Männer auf der Terrasse des alten Bauernhauses, in dem sich 21 Menschen fünf Zimmer teilen. Sie rauchen, spielen Karten. Fast alle haben sie ein „Negativ“, so nennen sie das. Die Abschiebungen scheitern meist allein daran, dass die Herkunftsländer die Kooperation mit den deutschen Behörden verweigern.

Wenn man sie fragt, was sie sich von Europa erträumt haben, bekommt man Antworten, als würden sie ihr persönliches Utopia beschreiben. „Europa bedeutet Sicherheit“, ruft ein junger bulliger Typ mit vernarbten Schienbeinen, Erinnerungen an den Vater, der ihn als Kind mit heißen Eisen quälte. „Schule für alle, die studieren wollen. Arbeit für alle, die arbeiten wollen“, sagt ein junger Senegalese, der gerade einmal drei Jahre in der Grundschule war. „Menschenrechte für alle. Egal ob schwarz oder weiß. Egal ob reich oder arm. Nicht so wie in Afrika“, sagt Boubacar Bah schließlich. All das ist Deutschland, aber nicht für Bah und seine Mitbewohner. „Am Ende haben wir einfach den falschen Pass.“ Am Ende stecken sie fest in einem Land, das sie nicht haben will, das sie aber auch nicht mehr los wird.

Ungehörte Warnung

Damit Flüchtlinge ihr Leben nicht für einen negativen Asylbescheid aufs Spiel setzen, hat die internationale Organisation für Migration (IOM) vergangenen Sommer die „Aware Migrants“-Kampagne gestartet. In kurzen Videoclips erzählen Geflüchtete von ihren Erfahrungen auf der Flucht. Von Folter, von Vergewaltigungen. Von den Menschen, die sie im Mittelmeer haben ertrinken sehen. „Die Leute werden teils mit dem falschen Versprechen auf Arbeit nach Libyen gelockt und haben zunächst gar nicht die Absicht nach Europa zu fliehen. Erst die Situation in Libyen zwingt sie dazu, die Flucht übers Mittelmeer zu riskieren“, sagt Flavio di Giacomo, Sprecher und Mitinitiator der Aktion. „Unser Ziel ist deshalb, nicht die Migrationspläne der Menschen zu durchkreuzen, aber Aufklärungsarbeit zu leisten, damit jeder weiß, in welche Gefahr er sich begibt“.

Ein Flüchtling berichtet: Die "Aware Migrants" Kampagne

Die Clips laufen auf Fernsehsendern in 15 afrikanischen Staaten, sie laufen im Radio und auf Youtube. Ob und welche Auswirkungen die Kampagne hat, das kann Di Giacomo nach einem Jahr noch nicht sagen.

Wenn Samba Kamara*, 31, mit seinen zwei jüngeren Brüdern in Guinea-Bissau telefoniert, klingt er wie einer der Menschen aus den Videoclips. Immer wieder stellen ihm die beiden, 18 und 22 Jahre alt, die eine Frage: „Wann schickst du uns endlich Geld?“ Immer wieder versucht Samba Kamara dann zu erklären, dass es in diesem Monat nicht klappt. Und auch nicht im nächsten. Und vielleicht überhaupt nie. Und das, obwohl er seit zwei Jahren als Asylbewerber in Tutzing am Starnberger See lebt, einer der wohlhabendsten Gegenden der Bundesrepublik.

Er erzählt seinen Brüdern stattdessen, wie ihm die Knast-Wärter in Libyen in den Fuß geschossen haben und von der dreitägigen Schlauchbootfahrt Richtung Italien, die nur 72 der 125 Menschen überlebten. „Und das alles nur, um zu erfahren, dass sie mich wieder zurückschicken wollen.“ Ob seine Warnungen etwas nützen?

Samba Kamara zuckt mit den Schultern: „Wenn der Große erst das Geld zusammen hat, wird er sich auch auf den Weg nach Libyen machen. Und wenn er Pech hat: sterben.“

*Name auf Wunsch der Protagonisten von der Redaktion geändert

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