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„Da ist ein Mann in einen Kaktus gefallen“

Früher, öfter, hemmungsloser: Schon Vorschulkinder sehen sich im Netz Fail-Videos an, die das Pech und Missgeschick anderer zur Schau stellen. Ein Spaß mit ernsten Folgen für die jungen Nutzer.

Geil, richtig schön aufs Maul, die Oma!“, ruft Markus. Eine weißhaarige Frau liegt am Boden. Das Gesicht nach dem Fahrradsturz im Dreck vergraben. Der Neunjährige blickt auf sein Smartphone und sagt: „Solche Videos sind bei Alten noch lustiger als bei kleinen Kindern.“ Markus kennt sich aus: Als er vier war, sah er sich zum ersten Mal mit dem großen Bruder Fail-Videos auf Youtube an. Mittlerweile suchen auch seine Kumpels, mit denen er den Nachmittag in einem Münchner Kinderhort verbringt, regelmäßig nach solchen Clips.

An Auswahl mangelt es ihnen dabei nicht. Der „Fail“, zu Deutsch Fehlschlag, wird von Amateuren gefilmt, von Plattformen gesammelt und dann im Internet zur Schau gestellt. Allein der Weltmarktführer Jukin Media verfügt über mehr als 40.000 Videos und verzeichnet monatlich bis zu 2,1 Milliarden Aufrufe. Viele Klicks zählt das US-Unternehmen auf dem Youtube-Kanal „FailArmy“, den es seit 2012 bespielt. Mit stetig wachsendem Erfolg. Auf Youtube tummeln sich noch unzählige weitere Anbieter, zum Beispiel „The Best Fails“, „Monthly Fails“ oder „Fail Blog“.

Motorradunfall im digitalen Kinderzimmer

Auch die größte deutsche Spaßseite „webfail.de“ startete 2010 mit solchen Videos durch. Während dieser Anbieter die Szenen einzeln serviert, tischt „FailArmy“ Pech und Ungeschick in Endlosschleife auf: ein missglückter Rückwärtssalto, zwei ineinander rasende Autos oder eine Stripperin, die von der Stange fällt. Solche Unfallszenen sind auf Youtube schon seit mehreren Jahren beliebt. Neu ist eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die solche Videos unkontrolliert konsumiert.

Die Filme auf „FailArmy“ dauern meist sechseinhalb Minuten und gehören damit zu den Short-Form-Videos. Solche Clips sehen sich 92 Prozent der 14- bis 18-Jährigen regelmäßig an. Das hat eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Deloitte ergeben. Ein Drittel der Jugendlichen gab an, den Konsum im Vergleich zum Vorjahr gesteigert zu haben. Besonders beliebt bei den jungen Nutzern: Musik-, How-to- und Spaßvideos. So wie bei der fünfzehnjährigen Sarah: „Wenn mir langweilig ist, gönn ich mir auf Youtube Fails.“

Angst, Überforderung, Unsicherheit: Die Clips hinterlassen Spuren

Auch für Luisa ist das eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Sie ist sechs Jahre alt, hat gerade ihren ersten Milchzahn verloren. Auf Papas iPad ist Luisa schon über Szenen gestolpert, die sie nicht sehen wollte: „Da ist ein Mann in einen Kaktus gefallen. Man hat’s nur kurz gesehen, aber der hat ganz doll geblutet. Das fand ich richtig gruselig“, sagt sie. Fail-Videos seien teilweise so brutal, dass sie Kinder nachhaltig verängstigen könnten, kritisiert die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM).

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Screenshot eines Fail-Videos
Kaktus-Fails gibt es auf Youtube viele. Hier lässt sich ein Mann aus einem Kaktus befreien.

Screenshot Youtube

Der neunjährige Maxi kann das Gesehene noch gar nicht einordnen: „Das ist doch alles nur geschauspielert. Wenn sich da Leute echt wehtun oder sterben würden, würde das keiner hochladen, oder?“ Frank Schwab, Professor für Medienpsychologie in Würzburg, hält den Großteil der Videos dagegen für authentisch. Kinder entlaste die Vorstellung, dass alles nur gestellt sei. „Zugleich liefert das ihnen eine Rechtfertigung dafür, die Opfer auszulachen“, sagt der Experte.

Fail-Videos bedienen die simple Weltsicht von Kindern

Die Personen in den Clips sind nicht nur zahl-, sondern auch namenlos. So ist es einfach für die jungen Nutzer, sich von ihnen abzugrenzen. Distanz bereitet den Weg zur Schadenfreude. Identifiziert man sich hingegen mit dem Opfer, kommt es natürlicherweise zu Empathie. Dies spiegelt sich auch in der Gehirnaktivität wider, wie das Leipziger Max-Planck-Institut nachgewiesen hat.

„Mitgefühl für die Menschen in Fail-Videos zu empfinden, das ist ziemlich komplex für kleine Kinder. Sie lieben den plumpen Slapstick-Humor, weil er ohne Sprache auskommt und sie ihn schon verstehen“, sagt Frank Schwab. Es ist also wortwörtlich kinderleicht, sich mit den Videos einen schnellen Kick zu verschaffen.

Bodyshaming fürs Selbstwertgefühl

Besonderes Vergnügen versprechen Clips mit Titeln wie „Fat Fail“. Ein übergewichtiger kleiner Junge klettert auf einen Baum, der Ast knackt und der Junge stürzt zwei Meter in die Tiefe. Sein verheultes Gesicht auf dem Bildschirm: Balsam für die Seele von unsicheren Jugendlichen. „Wenn sie über andere lachen, werten sie sich selbst damit auf“, sagt Medienpsychologe Schwab. „Das macht Fail-Videos gerade für Pubertierende attraktiv.“

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Screenshot eines Fat-Fail-Videos
Beim Sprung ins Wasser verletzt sich ein übergewichtiger Mann am Kopf. Fast sieben Millionen Nutzer haben sich den Clip angesehen.

Screenshot Youtube

Schadenfreude, die immer nur einen Mausklick entfernt ist, könne langfristig zu einem Empathieverlust führen. Davor warnt Sonja Schwendner, die bei der BLM stellvertretend den Bereich für Medienkompetenz und Jugendschutz leitet. Der 17-jährige Jannik, der am Isar-Ufer mit seinem Smartphone rumspielt, gibt zu: „Ich bin schon ziemlich abgestumpft von Youtube-Fails. Beim hundertsten Fettsack, der auf die Schnauze fliegt, wird’s langweilig.“

Poppige Musik statt Notaufnahme

Spannend erscheint es vielen Kindern und Jugendlichen, Online-Fails nachzustellen. Warum auch nicht?  Ernsthafte Folgen wie Knochenbrüche sind in den Clips gar nicht erst zu sehen. Stattdessen: „Lauter coole, junge Menschen, die irgendwo runterspringen oder reinfahren. Das Ganze noch mit poppiger Musik unterlegt. Da kann der Eindruck entstehen: Unfälle sind lustig“, sagt Sonja Schwendner.

Für die BLM hört der Spaß dann auf, wenn jugendgefährdende Inhalte verbreitet werden. In schweren Fällen leitet sie ein Aufsichtsverfahren ein. Dem wollen deutsche Seitenbetreiber zuvorkommen. „Wir möchten hitzige Debatten vermeiden“, sagt Rainer Mösle von webfail.de. Daher sind laut seiner Aussage auf der Seite keine Videos zu finden, in denen Menschen oder Tiere mutwillig zu Schaden kommen oder schwere Verletzungen davontragen. Liegen solche Videos aber auf ausländischen Servern, kann die BLM lediglich erreichen, dass sie nicht so leicht bei Google zu finden sind.

Die eigene Oma im Fail-Video auf Youtube?

Damit bleiben Kanäle wie „FailArmy“ weitgehend unantastbar. Immerhin können Eltern den Sicherheitsmodus bei den Youtube-Einstellungen aktivieren. Dieser erschwert es Kindern, auf unangemessene oder gemeldete Inhalte zuzugreifen. „Am wichtigsten ist es jedoch, mit den Kindern zu reden und ihnen ein kritisches Bewusstsein zu vermitteln“, sagt Sonja Schwendner von der BLM.

Für den neunjährigen Markus, der schon sein halbes Leben Fail-Videos konsumiert, gibt es eine klare Grenze: Über ältere Leute zu lachen ist in Ordnung, aber nur auf Youtube. Würde er einen Clip an „FailArmy“ schicken, auf dem seine Oma vom Fahrrad stürzt? „Niemals, ich bin doch kein Assi“, sagt der Junge und schüttelt den Kopf. „Dann wäre ich ja der schlechteste Enkel der Welt.”

Aufmacher-Video: Florian Eckl

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